Das digitale Leben …, oder: Kam der Tod mit der Kündigung?
Mein Kollege Georg Isenbürger, Vereinspilot und Kassenwart von Mission 100 e.V., hat sich vor ein paar Wochen bei Xing abgemeldet und wartet seitdem darauf, dass irgendeine Reaktion erfolgt. Als er mir heute davon erzählte, fiel mir ein Artikel im Spiegel ein, den ich vor ein paar Tagen gelesen hatte. Eine Studentin berichtet hier unter dem Titel “Mein digitaler Selbstmord” über die ersten 10 Tage nach der Kündigung ihrer Mitgliedschaft im StudiVZ (… lesen Sie einfach den Artikel, dann brauche ich hier nicht so viel zitieren.) Der Artikel endet mit den Worten “Lang leben die echten Freunde! Die kann man nämlich nicht nur gruscheln, sondern knuddeln. Und wenn sie einem die Freundschaft kündigen, gibt es richtig Rambazamba und sie verschwinden nicht einfach heimlich, still und leise aus dem digitalen Leben.” … Regt das zum Nachdenken an?
Es mag durchaus Argumente geben, die eine Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk wie Xing, StudiVZ, Facebook, LinkedIn, SchülerVZ oder einem der vielen anderen Netzwerke interessant erscheinen lassen. Ich persönlich hatte bis zu meinem Ausstieg bei Xing das System vornehmlich als besseres Branchenbuch genutzt. Es war schon praktisch, durch eine Synchronisation meiner Xing-Kontaktliste mit der auf meinem Schlepptopp zu erfahren, wer den Job gewechselt hat, eine neue Handynummer sein eigen nennt, oder ich keinen Geburtstag meiner Kontakte mehr vergesse, weil das Xing-Plugin diese in meinen persönlichen Kalender einträgt. Auch wenn ich das gar nicht wissen will.
Bis heute habe ich es auch versäumt meine Kontakte danach zu fragen, was sie davon halten, dass ihr Foto auf meinem Handy auftaucht, weil die Synchronisation zwischen Laptop und Handy auch bestens funktioniert. Einfach toll. Wenn das Handy entsprechend konfiguriert ist, klingelt und brummt es nicht nur, sondern es erscheint auch das Profilfoto meiner (ehemaligen) Xing-Kontakte auf dem Display… Da ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Stellen Sie sich z.B. den Spaß vor, wenn die neue Freundin statt einer Telefonnummer das Foto der Ex auf dem Display sieht… Ob die Leute wissen, dass man in den persönlichen Xing - Einstellungen Funktionen deaktivieren muss, wenn man nicht will, dass das eigene Foto möglicherweise auf diese Art um die Welt geht? Schließlich erklärt sich jeder mit der “Datenschutzerklärung” einverstanden. Ich werde es vielleicht durch diese Zeilen erfahren …
Ja, Opt-out ist wieder einmal das Stichwort. Xing und andere sind sehr kreativ, wenn es um die Verbreitung von Informationen geht. Aber, und das muss ich auch wieder betonen, Xing füttert nicht das System mit Daten, sondern die Mitglieder selbst. Und das in einem Ausmaß, dass mich in Verwunderung versetzt. Wenn jemand nicht auf Jobsuche ist, warum pflegt er oder sie dann seine/ihre Vita mit allen beruflichen Stationen in einem Profil bei Xing ein, inkl. Alter, Geschlecht, Foto, persönliche Vorlieben, Hobbies usw.? Wenn ein Arbeitgeber Formularfelder für eine Stellenbewerbung so gestalten würde, käme er unweigerlich in Konflikt mit dem AGG (Allgemeines Gleichstellungsgesetz oder “Antidiskriminisierungsgesetz”)
Aber die Xing-Profile lesen ja nicht nur Arbeitgeber, sondern im Zweifel die ganze Welt… Warum also sollte man solche Angaben machen? Liegt es bei den Profilen der Sozialnetze vielleicht an den vielen freien Textfeldern? Mir fällt da ein Telekom-Mitarbeiter in der telefonischen Störungsannahme ein, der sich vor ein paar Jahren partout nicht davon abbringen lassen wollte, mich nach meinem Geburtsdatum zu fragen. Auf meine Frage, warum er das wissen wolle, meinte er “dass in dem dafür vorgesehenen Textfeld noch nichts stünde”. Aha. Und deshalb muss ich dann auch fleißig Angeben machen? Nur um Felder zu füllen?
Gewissenhaft gepflegte Textfelder sind für einen Personalverantwortlichen sicherlich ein gefundenes Fressen. Wenn man sich in die Position einen Personalchefs über ein paar hundert oder tausend Mitarbeiter versetzt, könnte man durchaus auf die Idee kommen, die Sozialnetze auf Mitarbeiter zu durchforsten. Nicht, dass es darum ginge zu erfahren, wer denn nun die Absicht hat, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Aber wenn ein Personalchef nicht versteht, wozu es Soziale Netzwerke gibt? Weil er möglicherweise den Sinn nicht erkennt, der darin liegt, ein digitales Leben zu führen?
Fahndungserfolge gibt es bereits jetzt genügend. An der Uni in Oxford hat sich bspw. die ehrenwerte Universität des Studentenwetzwerks Facebook bedient, um studentisches Fehlverhalten zu verfolgen und mit Bußgeldern zu versehen. Ich möchte jetzt nicht die Paranoia bemühen, aber wussten Sie, dass Facebook in seinen AGB auf eine Mitleserschaft namens CIA verweist?
Georg Isenbürger hat zwei Wochen darauf gewartet, dass einer seiner ca. 250 Kontakte eine Vermisstenanzeige aufgibt, oder anderweitig eine Reaktion auf seine Kündigung erfolgt. Eine Anfrage hat er bekommen. “Sind Sie nicht mehr bei Xing?”
Wenn auch Sie es darauf ankommen lassen wollen, den digitalen Tod zu riskieren, dann brauchen Sie sich nur abzumelden. Wie das geht? Ganz einfach. Hier …